đŸŽ€ Interview: Prof. Dr. Marcus StĂŒck

Interview: Prof. Dr. Marcus StĂŒck

„Kinderyoga hilft“

Die Forderung nach der Integration von Yoga in Bildungsinstitutionen wird vielerorts bereits umgesetzt. Das ist nicht zuletzt eine Folge der Forschungen und Publikationen von Prof. Dr. Marcus StĂŒck, der als Pionier der Kinderyoga-Forschung gilt.

Herr Professor Dr. StĂŒck: Sie sind Psychologe, Psychotherapeut, Yoga-Lehrer und gelten als Pionier der Kinderyogaforschung. Ist eine gesundheitsfördernde beziehungsweise therapeutische Wirkung von Kinderyoga wissenschaftlich nachweisbar?

Ja, natĂŒrlich! Neben meiner praktischen Arbeit mit Kinderyoga habe ich 1993 begonnen, dessen Wirkungen auch wissenschaftlich zu untersuchen. Kinderyoga in Schulen war zu dieser Zeit nicht ĂŒblich und erst durch die Erkenntnisse der Wissenschaft wurde der Eintritt in Bildungsinstitutionen hoffĂ€hig. Ein kleines Beispiel: In Leipzig arbeiten heute alle Horteinrichtungen mit dem von uns entwickelten „Entspannungstraining mit Yogaelementen (EMYK)”, das als das erste wissenschaftlich geprĂŒfte Yoga-Programm fĂŒr Kinder bekannt wurde. Auch in Schulen in Österreich, Lettland, Sri Lanka und SĂŒdafrika wird dieses Konzept angewendet. Die weltweite Akzeptanz des Kinderyoga wurde nur durch wissenschaftliche Forschung möglich, die außer in Deutschland auch in Indien und den USA sehr seriös betrieben und publiziert wird.

Was genau fanden Sie in Ihren Forschungen heraus?

Damals konnte unser Projektteam an der UniversitĂ€t Leipzig erstmals Konzentrationssteigerungen bei Kindern in Folge der Senkung des motorischen beziehungsweise vegetativen Tonus durch Kinderyoga nachweisen. DafĂŒr erhielt EMYK einen Wissenschaftspreis der Cassianeum Stiftung. 2008 förderte das Bundesministerium fĂŒr Gesundheit ein Projekt, um Kinderyoga neben anderen Methoden in 22 KindertagesstĂ€tten in Nordsachsen zu implementieren. Ohne die vorherige Bestimmung der Wirkmechanismen von Kinderyoga wĂ€re das nicht möglich gewesen. Denn die bloße Abbildung der Wirkung reicht da nicht aus. Die Wirkmechanismen sollten auf physiologischer, biochemischer und psychologischer Ebene erforscht werden beziehungsweise ihre ZusammenhĂ€nge und SynchronisierungsvorgĂ€nge. Zum Beispiel konnten wir herausfinden, dass zunehmend mehr Kinder eine HypersensibilitĂ€t der Haut aufweisen, was mit psychischen Erschöpfungssyndromen korreliert. Da Yoga autoregulativ wirkt, können die HypersensibilitĂ€tszustĂ€nde abgebaut und somit eine bessere psychische StabilitĂ€t erreicht werden. Psychologisch sind die Reduktion von psychosomatischen Störungen und eine verbesserte Stressresistenz bei Kindern durch mehrere Studien mittlerweile relativ gut abgesichert. Solche Ergebnisse mĂŒssen auch in BildungsplĂ€ne einfließen, wie etwa den „Masterplan Gesunde Bildung“, der damals in Sachsen entstand. In ihm ist festgehalten, dass körperliche ZugĂ€nge zur Belastungsreduktion zunĂ€chst eine wichtigere Rolle spielen sollten als rationale Verarbeitungsmechanismen. Wenn Kinderyoga-Lehrer/Innen ĂŒber die Wirkmechanismen von Kinderyoga informiert sind, öffnen sich ihnen TĂŒren und sie können spannende Projekte in Institutionen ermöglichen.

Welche Rolle spielen traditionelle Yoga-Elemente fĂŒr das Kinderyoga?

2011 haben wir ein kleines BĂŒchlein fĂŒr Kinderyoga-Lehrer/Innen herausgegeben. Darin sind die wissenschaftlichen Grundlagen von Kinderyoga beschrieben. Bei dieser Arbeit fiel uns auf, dass bis dato noch keine Definition von Kinderyoga vorlag. Auf der Basis der Yoga-Sutren von Patanjali haben wir dann eine solche Definition herausgearbeitet. Dabei wurde deutlich, dass sich auch Kinderyoga auf die traditionellen Yogaelemente wie Asanas, Pranayamas und auch Mantras beziehen muss. Das Programm der Kinderyoga-CD „Schön, dass du da bist“ berĂŒcksichtigt und achtet diese Wurzeln in angemessener Weise.

Was genau passiert mit den Heranwachsenden wĂ€hrend der Yoga-Übungen in physischer und emotionaler Hinsicht?

Hier ist es nötig, hinter die Beschreibungen der bloßen Effekte von Kinderyoga zu schauen. Die Grundfrage lautet: „Wie reguliert Yoga im Sinne biologischer Prozesse die vegetative Balance des Kindes?“ Beispielhaft wurde in verschiedenen Studien gezeigt, dass das Problem hyperaktiver Kinder nicht in einer Über-, sondern in einer Untererregung liegt. Yoga reguliert die Erregung in ein fĂŒr Kinder angemessenes Optimum. Es verringert hyperaktives Verhalten und reguliert Emotionen, wie beispielsweise Ärger- und Angst. Erst dann kommen kognitive Prozesse hinzu wie die Beeinflussung von Gedanken. Kinderyoga ist daher ein körperorientierter Zugang zur Verbesserung von Lernvoraussetzungen in der Schule sowie des Wohlbefindens von Kindern.

Was kann Kinderyoga in Bildungsinstitutionen leisten?

Kinderyoga allein ist mit den vielfĂ€ltigen in den Bildungsinstitutionen anstehenden Fragen zur Erziehung und zum Lernen ĂŒberfordert. Deswegen muss sich jede Kinderyoga-Lehrkraft auch ĂŒberlegen, was ihr Yoga-Unterricht leisten beziehungsweise nicht leisten kann. Neben der Reflexion der eigenen praktischen Arbeit mit den Kindern ist dazu auch eine theoretische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Grundlagen des Kinderyoga notwendig. Nur so können die Indikationen und Kontraindikationen von Kinderyoga, beispielsweise einem Schulleiter oder einer Krankenkasse gegenĂŒber, klar benannt werden. WĂ€hrend dieses Prozesses fĂ€llt schnell auf, dass es sinnvoll ist, Kinderyoga-Programme zusammen mit weiteren biozentrischen Methoden der Humanentwicklung zu einem ganzheitlichen Gesundheitsförderungsansatz zusammenzufĂŒgen. Erst die gemeinsame Entwicklung eines solchen Ansatzes mit anderen Akteuren aus dem Gesundheits- und Schulbereich verspricht seine erfolgreiche Integration in Bildungseinrichtungen.

Das Konzept der Kinderyoga-CD „Schön, dass du da bist“ besteht darin, Kinderyoga-Übungen mit Mantra-KlĂ€ngen zu verbinden. Wie schĂ€tzen Sie die Wirkung dieses Ansatzes auf Kinder ein?

Mantras sind starke energetische Stimuli, die durch ihre jahrtausendealte Tradition sehr tief durch spirituelle Lehrer erforscht worden sind. Diese subjektiv erlebte Wirkungen gelten auch fĂŒr den Kindheitsbereich. Daher ist es sehr sinnvoll, diese Methodiken im Sinne des klassischen Yoga-Weges zu verbinden, und sie bereits Kindern so zu vermitteln, wie es Patanjali in den Yoga-Sutren vor 2000 Jahren beschrieben hat. Die Verwendung von Mantras ist also eine Vertiefung der Kinderyoga-Praxis und eine kluge Entscheidung. Das wertvolle Konzept der CD-Produzenten sollte noch wissenschaftlich evaluiert werden, damit seine Wirkung publiziert werden kann. Ich finde es gut, dass die Macher bei den traditionellen Yoga-Wurzeln bleiben und wĂŒnsche Ihnen viel Erfolg!

Am Institut fĂŒr Angewandte Psychologie der UniversitĂ€t Leipzig schrieb Prof. Dr. Marcus StĂŒck 1993 – 1997 die erste Dissertation zum Thema Kinderyoga in Deutschland und entwickelte das „Entspannungstraining mit Yogaelementen fĂŒr Kinder (EMYK)“. In der Studie untersuchte er dessen Wirkmechanismus. In weiteren Forschungen konnte Prof. Dr. StĂŒck belegen, dass kindgerechte Yoga-Übungen zur StressbewĂ€ltigung und zu einem konstruktiven Umgang mit Belastungen im (Schul-) Alltag der Heranwachsenden fĂŒhren und deren Persönlichkeitsentwicklung stabilisieren.

In seiner Habilitation (1999 – 2007) beschĂ€ftigte er sich – weiterfĂŒhrend neben der Arbeit mit dem Kinderyoga – mit dem Belastungsabbau bei LehrkrĂ€ften. FĂŒr PĂ€dagogen entwickelte und evaluierte er ein Stressreduktionstraining mit Yoga, bekannt als „STRAIMY“. “Kinderyoga verringert hyperaktives Verhalten und reguliert Emotionen” Wissenschaftlich beschĂ€ftigte sich Prof. Dr. StĂŒck außerdem mit Höhenpsychologie und –medizin, Entspannung und Stress, Belastungsreduktion und FĂ€higkeitsentwicklung sowie mit Empathieforschung.

2003 grĂŒndete er das Zentrum fĂŒr Bildungsgesundheit in Leipzig, das er bis heute leitet.

Seit 2012 hat Prof. Dr. Marcus StĂŒck die Psychologie-Professur fĂŒr den Studiengang “PĂ€dagogik der Kindheit” an der DPFA Hochschule Sachsen (Zwickau) inne.